Tag 3 – Von Torfhaus über den Brocken nach Schierke (17 km)

Es ist 9:30 Uhr und Theo und ich sind bereits unterwegs. Früh ging es heute mit dem Bus zurück nach Torfhaus und dann zu Fuß Richtung Brocken. Eigentlich hab ich auf heute total Lust, aber meine Füße bzw. die Blasen daran, tun schon ziemlich weh. Wir kommen nur langsam voran. Schritt für Schritt. Längst nicht in dem Tempo, das wir gestern und vorgestern drauf hatten. Woran ich das merke? Alle Leute, die mit uns zum Brocken unterwegs sind, überholen mich! Zuerst waren es nur die aus meinem Bus. Dann war ich ne Weile alleine unterwegs und dann kam von hinten die nächste Busladung. Nicht gerade motivierend 😦 Aber es hilft ja nichts, also gehen wir weiter. Schritt für Schritt, Kilometer für Kilometer – eben in unserem Tempo.

alter Grenzweg an der innerdeutschen Grenze

Plötzlich stehen wir auf dem alten Grenzweg. Die dicken Betonplatten lassen nur noch erahnen, welche Fahrzeuge hier früher mal drüberfuhren. Es geht nochmal steil bergauf und dann sind wir auf einem kleinen Platteu. Vor uns liegen die Eisenbahnschienen und in der Ferne hören wir bereits die Brockenbahn heranrauschen. Von nun an geht es auf einem netten, ziemlich ebenen Weg immer an der Bahnschiene lang. Um uns herum sind immer mehr Leute. Jugendliche, Familien mit Kinderwagen, Ältere – alle wollen auf den Brocken.

Der Hazer-Hexenstieg führt leider nicht direkt über die Brockenkuppe. Eigentlich könnte ich mir den kleinen Abstecher dahin sparen – aber wenn ich doch schon mal hier bin? Außerdem gibt es oben eine Stempelstelle und dann ich kann sagen, ich bin schon mal zu Fuß auf den Brocken gelaufen. Zudem ist das Wetter heute gar nicht so schlecht, so dass wir bestimmt eine gute Sicht von oben haben werden.

Also machen wir uns auf den Weg, die Brockenstraße zum Gipfel hoch. Straße ist hier das richtige Wort. Denn es ist tatsächlich eine richtige, geteerte Straße, auf der wir nun laufen. Breit genug, für 2 große Autos. Nicht gerade das, was mein Wanderherz höher schlagen lässt. Obwohl es eigentlich nur noch 1 Kilometer zum Gipfel ist, zieht es sich gewaltig. Lektion für heute: Der Wanderweg und was es zu sehen gibt, ist entscheidend für den Spaß am Wandern.

Beweisbild am Gipfel

Oben angekommen ist es nicht so ein erhabenes Gefühl, wie ich gehofft hatte. Denn: es ist ziemlich kühl und windig (ja, ich weiß, das war zu erwarten). Außerdem sind hier unglaublich viele Leute. Fast wie auf einem Rummel geht es hier zu. Zum Stempeln müssten wir uns tatsächlich anstellen und für ein Foto vorm Gipfelstein auch. Theo ist gerade nicht gut drauf. Vermutlich geht es ihm genau wie mir: Müde, kalt, Hunger, genervt von so vielen Leuten. Wir suchen kurz Schutz in einer Hütte, um etwas zu trinken und ein Leckerchen für Theo auszupacken. Aber schön ist es auch da nicht. Also geht es schnell weiter. Wenigstens noch ein Beweisfoto machen und eine Panoramaaufnahme von der tollen Weitsicht. Und dann nix wie runter.

Panormablick vom Brocken
Soweit sind wir „mal eben“ noch bis zum Pausenplatz gelaufen…

Ich hab in einem der Reiseführer gelesen, dass der Hexenstieg kurz nach dem Brocken wieder in den Wald abzweigt. Bis dahin wollen wir noch laufen und dann ausgiebig Pause machen. Es geht die Brockenstraße lang. 1km – 2km – 3km – immer auf Asphalt. Fahrradfahrer kommen uns entgegen. Genauso wie Familienausflüge mit Bollerwagen und sogar ne Pferdekutsche. Theo läuft und läuft und läuft und ich trotte hinterher. Nein, Spaß macht das ganze gerade überhaupt nicht. Irgendwo muss der Abzweig doch sein. Oder haben wir ihn etwa schon verpasst? Vorsichtshalber gucke ich mal auf der Karte nach – nein, es geht noch ein gutes Stück weiter, bis der Abzweig kommt.

Am Abzweig selbst steht eine Schutzhütte und daneben liegen ein paar Findlinge auf einer Wiese. Das ist unser Platz. Hier bleiben wir erstmal. Müde und erschöpft sinken Theo und ich ins Gras. Wie lecker jetzt die Brötchen und das Wasser schmecken – herrlich! Für Theo gibt es heute einen extra großen Kauknochen. Gemütlich sitzen wir habe eine ganze Weile dort. Theo kuschelt sich zwischendurch sogar an mein Bein und döst ein bißchen.

Hier gehts ganz schön runter! (Pfarrsteig)

Schließlich gehen wir weiter. Laut Wegweiser sind es jetzt nur noch 4 Kilometer bis Schierke. Na, das wird doch zu schaffen sein! Irgendwann verlassen wir den Hexenstieg und gehen über den Pfarrsteig hinunter nach Schiekre. Mitten durch den Tannenwald, vorbei an einer Stempelstelle und dann immer weiter den steinigen Pfad hinunter. Warum das wohl Pfarrsteig heißt?

An einem der Bäume hängt ein umgebautes Vogelhäuschen. Wanderer-Selbsthilfe-Kasten steht drauf. Neugierig schaue ich hinein. Drinnen ist alles, was man für die 1. Hilfe unterwegs braucht. Rettungsdecke, Pflaster, Verbandszeug. Sogar ein Kondom liegt da 😉 Nur Blasenpflaster gibt es nicht. Schade, denn die könnte ich gerade wirklich gut gebrauchen. Meine Füße fühlen sich nicht gut an. Sicherheitshalber nehme ich ein ein Päckchen steriler Wundauflagen mit – ich fürchte, die werde ich nachher brauchen.

Wir überqueren wieder die Gleise der Brockenbahn. Ja, wir hätten vom Brocken auch mit der Bahn nach Schierke fahren können. Vorhin, oben auf dem Gipfel hab ich gedacht: Was für´n Quatsch. Wir laufen natürlich! Jetzt wünschte ich mir, wir hätten uns anders entschieden. 800 Meter bis Schierke sagt das Schild. Komisch, hier ist gar nichts zu sehen. Der Wald endet und vor uns liegt eine Brachfläche. Vor ein paar Jahren war hier sicherlich noch Wald, aber jetzt sind da nur noch die Baumstümpfe. Wenn es wirklich nur noch 800 Meter sind, dann müsste ich doch irgendwo schon mal ein Haus sehen…. Langsam gehen wir weiter. Es ist ziemlich heiß so ohne Bäume. Theo hängt die Zunge fast bis zum Boden, aber er läuft tapfer weiter.

Dekoration vor unserer Pension in Schierke

Endlich haben wir es geschafft! Wir sind in Schierke. Von der Pension aus kann ich einen Trum sehen, der mir sehr bekannt vorkommt. Den konnte ich aus meinem Zimmer heute morgen in Braunlage auch schon sehen. Nur von der anderen Seite. Nicht gerade motivierend. Es ist das erste Mal, dass ich zwischen Dusche und Abendessen noch eine Runde schlafe. Ich bin einfach nur müde. Meine Füße tun bei jedem Schritt weh, die Blasen sind teilweise offen. Und ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, wie ich morgen früh überhaupt wieder in meine Wanderschuhe kommen soll. Vor allem, weil mit 23 Kilometern die längste Etappe ansteht. Vielleicht sollte ich besser die Trekkingschuhe anziehen? Die sind nicht so schwer, und drücken vielleicht auf andere Stellen… Und wenn es gar nicht geht, dann muss ich Frau Neumann von Wandern im Harz eben anrufen und sie bitten, dass sie mich mit dem Gepäck mitnimmt. Aber das entscheide ich morgen früh.

Das ist nämlich auch so was, was ich unterwegs schon gelernt habe: Sich über Dinge vorher einen Kopf zu machen, bringt nichts. Am Besten trifft du die Entscheidung erst, wenn sie auch wirklich ansteht. Denn erst dann weißt du was geht und was nicht!

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