Tag 6 – Von Treseburg nach Thale (11 km)

Heute morgen lasse ich mir Zeit mit Aufstehen und Zusammenpacken. Schließlich sind es heute nur 11 Kilometer und die will ich genießen. Theo und ich schlendern langsam durch Treseburg und machen extrem viele Fotos. Von Blumen, Deko, kleinen Denkmälern. Die Sonne ist schon extrem warm und ich frage mich, warum ich mir eigentlich keine kurze Hose angezogen habe? Die ist natürlich jetzt im Koffer und der bereits auf dem Gespäcktransport nach Thale. Egal, zu Not krempel ich eben ganz altmodisch die Hosenbeine hoch.

Am Ende von Treseburg biegen Theo und ich ins Bodetal ein. Wildromantisch soll es dort laut Reiseführer sein. Schön ist es auf jeden Fall. Ein saftig-grünes Blätterdach gibt uns Schatten und neben uns fließt die Bode. Theo und ich sind heute besonders langsam unterwegs. Nicht weil wir nicht schneller könnten, sondern weil wir mal hier gucken und mal da. Immer wieder Fotos machen und Theo natürlich gerne ans Wasser will. Er trinkt am liebsten aus Bächen und Püftzen und wenn er bei dem sonnigen Wetter die Pfötchen noch ins Wasser halten kann, ist das natürlich das Beste.

Gemütlich geht es Meter um Meter nach oben. Aber es ist längst nicht mehr so steil, wie noch vor ein paar Tagen. Es lässt sich gut laufen, so als wollte mich der Hexenstieg für all die endlosen Kilometer entschädigen, die ich durch abgeholzte Flächen gelaufen bin.

gemütlich beim 2. Frühstück

Auf einem kleinen Felsvorsprung machen wir Rast. Der Proviant, der uns für heute gepackt wurde, ist für das kurze Stück eigentlich viel zu viel. Ich bin ein wenig überrascht, als sich plötzlich ein älteres Ehepaar prustend neben uns nieder lässt. Sie brauchen dringend eine Pause sagen sie, denn der Aufstieg von Thale wäre sehr anstrengend gewesen. Hm, ob das am Alter der Beiden liegt? Denn ich hatte die Strecke bisher als sehr entspannt und gemütlich erlebt. Kurz nach unserer Rast, sehe ich aber, was die Beiden meinten. Denn es geht ziemlich bergab und ich bin mal wieder froh, den Hexenstieg von West nach Ost zu laufen und nicht anders herum. 😉

Mittlerweile kommen uns immer mehr Wanderer und Spaziergänger entgegen. Viele sprechen Theo an: Ach, du bist wohl ein Wanderdackel! Oder: Du warst am Anfang bestimmt ein Bernhardiener und jetzt sind die Beine abgelaufen! Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn Leute mit deinem Hund sprechen, dich aber kaum eines Blickes würdigen. Theo gefällt das natürlich, denn fast alle haben auch ein paar Streicheleinheiten für ihn übrig. Er ist ja so berechenbar…

Teufelsbrücke kurz vorm Wanderlokal

Ich hab in meinen Wanderunterlagen gelesen, dass auf unserem Weg ein ganz tolles Ausflugslokal liegt. In meiner Vorstellung, sah ich mich immer schon mit Theo dort sitzen, was leckes Essen und was kühles Trinken. Doch als das Lokal hinter einer Kurve vor uns auftaucht, ist sofort klar: Hier kehren wir nicht ein. Um uns herum sind hunderte von Menschen. Jeder Platz, jeder Stein und jede noch so kleine Ecke ist belegt. Denn: Es ist Pfingstmontag und scheinbar haben viele die breit angelegten Spazierwege hierher als Tagesausflug genutzt. Ich bin mit so vielen Menschen überfordert. Seit einer Woche sind wir mehr oder weniger alleine unterwegs. Da ist das jetzt die totale Reizüberflutung. Schnell drücken wir noch den letzten Stempel in unser Wanderheft und sehen zu, dass wir weiterkommen.

Doch die Menschenmassen werden nicht mehr weniger. Eher im Gegenteil. Und als wir den Waldrand in Thale erreichen, weiß ich auch warum. Hier bei den Seilbahnen, die einen zur Rosstrappe und zum Hexentanzplatz bringen, gibt es auch so eine Art Minivergnügungspark. Karussels und Spieleangebote für die Kinder, Essenspavillions und Eisdielen für die Eltern. Weil die Wanderungstrecke heute ja wirklich nur kurz war, wollte ich eigentlich noch mit dem Sessellift auf die Rosstrappe fahren, um mir dort noch einen Extra-Stempel abzuholen. Aber als Theo und ich an der 150-Meter-Schlange des Sesselliftes vorbei waren, hatte ich einfach keine Lust mehr, mich anzustellen.

seltsame Gestalten im Park von Thale

Also machen wir kehrt und laufen weiter Richtung Bahnhof, dem Zielpunkt des Harzer Hexenstiegs entgegen. Wir gehen durch einen Park. Irgendwie hatte ich mir die letzten Meter meiner Wanderung ganz anders vorgestellt. In mir drin spielten Trompeten und Fanfaren, um meinen Zieleinlauf gebührend zu feieren. Aber nach außen fühlt es sich komisch an. Die Menschen um mich herum sehen eher nach Tagesauflüglern aus. Keiner ist wie ich in kompletter Wanderkluft zu sehen.

am Ziel: müde, glücklich, erschöpft und stolz

Und dann steht es plötzlich vor mir: Das Zielschild vom Harzer Hexenstieg. Die Trompeten spielten in meinen Ohren einen Tusch. Ich hab es tatsächlich geschafft. Einmal quer durch den Harz, alleine mit Hund. Ich bin froh und erleichtert. Und total stolz auf mich und Theo. Ein kleines Tränchen gliztert in meinem Augenwinkel – aber das ist sicher wieder die Allergie 😉

Theo und ich trotten weiter zu unserer Pension. Es ist erst 14 Uhr. Den ganzen Nachmittag lassen wir es uns gut gehen. Duschen, dösen, auf dem Bett rumliegen, lesen, sich auf´s Abendessen freuen. Hach, wandern kann so schön sein! Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das ist, morgen nicht weiter zu laufen. Und gleichzeitig bin ich auch froh, denn wenn ich ehrlich bin, reichen mir die 100 Kilometer für meine erste Fernwanderung wirklich aus. 🙂

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